Leichte Sprache an Schulen mit hohem Migrationsanteil

08.06.2020 verfasst von Marion Treche


Das Unterrichten von Schülerinnen und Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache stellt deutsche Regelschulen vor eine große Herausforderung. Die Schülerinnen und Schüler (kurz: SuS) werden Regelklassen zugeordnet, in denen die verpflichtende Unterrichtssprache Deutsch ist. Sie müssen also ihren gesamten schulischen Lernprozess in einer Sprache bewältigen, die sie nicht altersentsprechend beherrschen. Dennoch soll ihnen ein maximaler Bildungserfolg möglich sein. Intensivunterricht für Deutsch als Zweitsprache (kurz: DaZ) wird den betroffenen SuS meist nur als begleitende Fördermaßnahme angeboten. Erschwerend hinzu kommt, dass SuS, die als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, häufig keine altersentsprechenden Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und in unterrichtsüblichen Arbeitspraktiken aufweisen. Zudem sind einige von ihnen erst teilweise oder spätalphabetisiert – oder sie haben ein anderes Schriftsystem erlernt. Ihre Lernschwierigkeiten haben also einen anderen Hintergrund als die der SuS mit deutscher Muttersprache. In regulären Schulklassen können die Schulen diesem intensiven Förderbedarf kaum gerecht werden, sodass der DaZ-Unterricht ein wichtiges Angebot für SuS mit Migrationshintergrund der ersten Generation darstellt.

Die unterrichtsbegleitende Sprachförderung von SuS mit Deutsch als Zweitsprache muss besonders effektiv durchgeführt werden, damit diese SuS schnellstmöglich am Regelunterricht teilnehmen können und gleichberechtigte Mitglieder im Klassenverbund werden. Doch wie können wirkungsvolle Lernimpulse schnell gesetzt werden? Aus der Neurolinguistik ist bekannt, dass eine aktive Anwendung von Sprache durch Hören und Sprechen im Gehirn besser behalten wird als beispielsweise durch das Lesen. Das bestätigt auch die Tatsache, dass SuS mit nichtdeutscher Muttersprache recht schnell eine Art deutsche Schulhofsprache erlernen. Dies fördert zwar mündliche Kompetenzen, unterstützt jedoch nicht den Zweitsprachenerwerb. Es gilt, den Integrationsprozess im Regelunterricht zu beschleunigen.

Kommunikationswerkzeug Leichte Sprache

Kurze Sätze sind für Deutschlernende nicht immer hilfreich. Sie können im weiteren Verlauf das Erlernen korrekter Rechtschreibung und Grammatik sogar stark belasten. Sätze wie »Du schreiben Lösung in Heft.« sind völlig unakzeptabel. Sätze in Leichter Sprache sind ebenfalls kurz, denn Leichte Sprache verfolgt den Ansatz, optimal lesbar und maximal verständlich zu sein. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass Leichte-Sprache-Texte in korrektem Deutsch verfasst sind. Leichte Sprache wurde künstlich entwickelt, um Menschen mit Kommunikationseinschränkung Zugang zu schriftlichen Texten und Informationen zu ermöglichen. Deswegen haben Leichte-Sprache-Sätze beispielsweise einen einfachen Satzbau, nur eine Aussage und somit keine Kommas und Nebensätze. Darauf lässt sich mit weiterführender Grammatik optimal aufbauen, sodass Leichte Sprache eine Lern- und Brückenfunktion erfüllen kann. Im Gegensatz zur Hauptzielgruppe von Leichter Sprache sind die Kommunikationsbeeinträchtigungen von Migranten ohne Deutschkenntnisse nämlich nicht durch ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten bedingt, sondern durch die fehlende Kenntnis und Erfahrung der deutschen Sprache. Sie haben keine kognitiven Einschränkungen, die sie am Verstehen mehrerer Aussagen in einem Satz hindern würden. Durch grammatikalische Erweiterungen und die Anpassung an die Sprachkenntnisse von Personen mit Deutsch als Zweitsprache können allerdings nicht alle vereinfachenden und strukturherstellenden Leichte-Sprache-Regeln eingehalten werden.

In der Schule steht im begleitenden DaZ-Unterricht die Förderung eines kompetenten Umgangs mit der Zweitsprache im Vordergrund. Deswegen ist im Sinne der Lernfunktion darauf zu achten, dass keine Regeln des Standarddeutschen gebrochen werden. Andernfalls müssten diese zusätzlich erlernt werden. Zudem haben das Hörverstehen und Sprechen im DaZ-Unterricht oberste Priorität. Hinhören und Nachsprechen ist für den Lernfortschritt von großer Bedeutung. In der mündlichen Kommunikation können Fehler wie ein falscher Satzbau oder grammatikalisch falsche Endungen sofort korrigiert werden, bevor sie sich fehlerhaft einprägen. Die Schriftsprache sollte jedoch immer eindeutig und richtig sein, um ohne Erklärung verstanden zu werden. Daher müssen die SuS im DaZ-Unterricht von Anfang an lernen, korrekte Sätze zu bilden. Dies fördert zudem ihre Lesekompetenz. Leichte Sprache vereint die für deutschlernende Migranten so hilfreichen Kriterien: eine leichte Satzstruktur bei korrekter Rechtschreibung und Grammatik. Durch einen schnellen Übergang von Leichter Sprache in Standardsprache kann der Integrationsprozess im Regelunterricht also beschleunigt werden.

Leicht sprechen – nicht nur im DaZ-Unterricht

Wie eingangs erwähnt, ist das Eintauchen in die Zweitsprache besonders wirkungsvoll. Beim Sprechen und Zuhören können Fragen und Antworten durch Mimik, Gestik und Zeigen verstärkt werden. So erschließen sich die SuS die Zweitsprache aus dem Zusammenhang der Situation. Diese Art der Sprachförderung motiviert und kommt ohne Zwang und Leistungsdruck aus. Auch hier lässt sich die Vermittlungshilfe »Leichte Sprache« wunderbar einsetzen – und zwar sprechend. Vor allem SuS, die spätalphabetisiert sind oder ein anderes Schriftsystem erlernt haben, profitieren vom Sprechen in Leichter Sprache. Das Lesen ungewohnter deutscher Buchstabengruppierungen kann anfangs blockierend und demotivierend wirken. Deswegen ist es von Vorteil, SuS mit Deutsch als Zweitsprache zunächst über das Sprechen und Sprachspiele zu einem selbstbewussten Umgang mit der deutschen Sprache zu verhelfen. Das Sprechen in Leichter Sprache kann zudem bewirken, dass sich die SuS das Erlernte leichter einprägen, da sie es besser verstehen. Das ist besonders wichtig für SuS, die als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind, da sie außerhalb der Schule und des DaZ-Unterrichts kaum Gelegenheit finden, Deutsch zu sprechen oder zu hören. Auf diese erschwerten Bedingungen sollte nicht nur im begleitenden DaZ-Unterricht, sondern auch im Regelunterricht Rücksicht genommen werden.

Es gibt jedoch noch eine weitere Zielgruppe im schulischen Umfeld, die von Leichter Sprache profitieren kann – auch wenn hier nicht die Lernfunktion, sondern die eigentliche Informationsfunktion von Leichter Sprache im Vordergrund steht: die Elternschaft. Vor allem an Regelschulen mit besonders hohem bis fast ausschließlichem Migrationsanteil ist die Kommunikation mit Eltern aufgrund von mündlichen und schriftlichen Sprachbarrieren schwierig. Oft müssen SuS, die in Deutschland zweisprachig aufwachsen, ihren Eltern mit geringen Deutschkenntnissen schulbezogene Informationen übermitteln. Das kann zu Missverständnissen führen, sodass die Eltern nicht ausreichend informiert sind. Dabei ist es besonders wichtig, dass Eltern mit geringen Deutschkenntnissen in die Kommunikation mit der Schule einbezogen werden. So erfahren sie mehr über das Schulsystem und die Notwendigkeit, mit der Schule zu kooperieren, den schulischen Werdegang ihrer Kinder zu begleiten und zu unterstützen sowie deutsche Sprachkenntnisse zu erwerben – und wie wichtig ein schulischer Bildungsabschluss für ihre Kinder ist. Zudem gestalten sich Elterngespräche in Standarddeutsch zum Teil schwierig, wenn den Eltern das erforderliche deutsche Vokabular fehlt. Gesprochene Leichte Sprache bietet auch hier die Chance, flexibel auf den Gesprächspartner einzugehen, da die Deutschkenntnisse der Eltern stark variieren.

Leichte Sprache als Vermittlungshilfe

Doch wie lässt sich gesprochene Leichte Sprache in der Schule umsetzen? Zunächst einmal finden die üblichen Praktiken des Sprechens im DaZ-Unterricht Anwendung. So sollte grundsätzlich langsam gesprochen, auf Betonung und Aussprache sowie auf die Verwendung von Aktivsätzen geachtet werden. Passivkonstruktionen sind für SuS mit geringen Deutschkenntnissen kaum verständlich. Sprechpausen laden die SuS ein, Verständnisfragen zu stellen. Die Verwendung bekannter Wörter unterstützt besonders erste Lernerfolge. Schwierige Wörter oder Fremdwörter sollten immer sorgfältig erklärt werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Zudem empfiehlt es sich, beim Sprechen den Blickkontakt mit den SuS zu halten. Vielleicht gibt es Verständigungsprobleme oder die Aufmerksamkeit der SuS lässt nach. Die SuS werden aktiv einbezogen, indem sie während des Sprechens kleine Aufgaben lösen oder kurze Fragen beantworten müssen. Die Verwendung vieler Beispiele fördert die Vorstellungskraft und das Verständnis der SuS.

Diese üblichen DaZ-Sprechpraktiken können durch die Grundelemente der Leichten Sprache optimal unterstützt werden. Der Wortschatz der Leichten Sprache orientiert sich am deutschen Grundwortschatz und verwendet beispielsweise Oberbegriffe wie »Baum« statt »Eiche«. Damit unterscheidet sich Leichte Sprache deutlich von der deutschen Standardsprache mit ihren komplizierten Sprachstrukturen, langen Satzkonstruktionen und Fremdwörtern. Genau damit haben Deutschlerner große Schwierigkeiten – mit kompliziertem Satzbau und unbekanntem Vokabular. Mit der Orientierung am Grundwortschatz entspricht Leichte Sprache in etwa dem Grundschulniveau. Da SuS mit Deutsch als Zweitsprache an deutschen Regelschulen jedoch ein maximaler Bildungserfolg ermöglicht werden soll, müssen sie das Niveau der Standardsprache erreichen. So kann die Verwendung gleicher Wörter für die gleichen Dinge sowie kurzer Wörter des Grundwortschatzes im DaZ-Unterricht allmählich durch Synonyme, längere Wörter und Fachwörter ergänzt werden. Die bereits erwähnte Regel »nur eine Aussage pro Satz« kann dem Lernfortschritt entsprechend erweitert werden. So wird aus »Öffne das Heft. Schreibe die Lösung in das Heft.« schon bald »Öffne das Heft und schreibe die Lösung hinein.« Eine weitere Leichte-Sprache-Regel besagt, dass Nebensätze und Kommas zu vermeiden sind. Im Verlauf des DaZ-Unterrichts empfiehlt es sich jedoch, Satzreihen und Satzgefüge wie Konditionalsätze oder Relativsätze schrittweise einfließen zu lassen und diese während des Sprechens aktiv zu erklären. So wird aus der Aussage in Leichter Sprache »Ich mag Tom. Tom ist nett.« beispielsweise ein standardsprachlicher Kausalsatz mit Komma: »Ich mag Tom, weil er nett ist.« - oder aus obigem Beispiel ein Infinitivsatz mit zu: »Öffne das Heft, um die Lösung hineinzuschreiben.«

Dies sind nur einige Beispiele der stark vereinfachenden Leichte-Sprache-Elemente. Die Regeln der Leichten Sprache eignen sich vor allem auf Wort- und auf Satzebene gut für das Sprechen in der Anfangsphase des DaZ-Unterrichts. Die Vermittlungshilfe »Leichte Sprache« stellt jedoch nur ein Übergangsstadium im Sprachlernprozess dar, das die SuS mit Deutsch als Zweitsprache schnell hinter sich lassen. Durch die Anpassung an den Lernfortschritt der deutschlernenden SuS werden die Regeln der Leichten Sprache gebrochen. Auch in der Kommunikation mit Eltern mit geringeren bis kaum Deutschkenntnissen werden die Leichte-Sprache-Regeln verändert, obwohl in diesem Fall die ursprüngliche Informationsfunktion der Leichten Sprache genutzt wird. Eltern mit Migrationshintergrund verfügen jedoch über stark variierende Deutschkenntnisse. Die einen sind mit einer Kommunikation auf Grundschulniveau überfordert, die anderen unterfordert. Deswegen gilt es auch hier, Leichte-Sprache-Regeln gegebenenfalls zu umgehen, um das jeweilige Sprachniveau kommunikationsfördernd anzusprechen. Dennoch bieten viele Leichte-Sprache-Regeln gerade in der mündlichen Anwendung eine ausgezeichnete Basis, um deutschlernenden SuS eine schnelle Teilnahme am Regelunterricht sowie einen selbstbewussten Umgang mit der deutschen Sprache zu ermöglichen. Getreu dem Motto: Leichte Sprache ist für alle gut. Damit jeder alles versteht.